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TRAUM IM TRAUM

 

Du, Frau, sitzt auf einer Bank, vor einem Haus, den Rücken zur Wand und schaust auf den Garten und darüber hinaus ins Tal, zu den Hügeln gegenüber und dem Meer rechts in der Ferne, die lange Bucht, die Insel.

 

Die Sonne steht noch tief und alles ist in ein warmes, wohltuendes, höfliches Licht gebadet. Es riecht nach Bäumen, Sträuchern, Blumen, Gräsern, Kräutern. Und nach dem Milchkaffee, den Du, in einer altmodischen großen blauen Schale, in beiden Händen hältst, wie schon als Kind bei den Italienischen Nachbaren. Bei denen durfte man auch ein Gläschen Spumante trinken, nach dem Sonntagsessen, schön kalt und süß und aufregend!

 

Jetzt herrscht Ruhe, Du bist ruhig, die Vögel leise, keine Autos, kein Flugzeug, kein Traktor. Der Wind bewegt die Gräser und Blätter vorsichtig.

Du trinkst einen Schluck und die heiße Flüssigkeit breitet sich wohlschmeckend in Deinem Mund aus, wärmt Deinen Hals und bis hinab in den Bauch wie eine innere Cashmeredecke.

Du atmest so tief wie möglich die Düfte ein, ruhig und langsam, ein Lächeln breitet sich auf deinem Gesicht aus und das lässt weitere Glückshormone durch deinen Körper fließen.

 

Wenn Du jetzt einen Schluck Kaffee trinken würdest käme das einer Naturkatastrophe gleich! Also stellst Du die Schale vorsichtig auf den Tisch, stützt deine Ellenbogen daneben auf, das Kinn auf die Hände und beobachtest.

Prompt wird die Luke von innen aufgeschoben und eine Frau klettert hoch ins Cockpit. Sie hat ein Handtuch umgewickelt, lange dunkle Haare die vom Schlafen unordentlich sind, sie streckt sich, gähnt, schaut aufs Meer rundherum und zum Himmel hinauf. 

Du schreckst zurück aber sie scheint dich nicht zu sehen. 

Sie hat also auch keine Hemmungen ihr Handtuch auf die Sitzbank zu legen, die Treppe herunter zu klappen und ins Meer zu steigen.

Sie schwimmt mit kräftigen Zügen vom Boot weg, taucht dann und du kannst tatsächlich ihren hellen Körper unter der azurblauen Meeresoberfläche schwimmen sehen, ist das irre oder was? 

Sie kommt hoch, dreht sich, um die Haare nach hinten zu streichen und in diesem Moment erkennst Du plötzlich: das bist Du!

Sie schwimmt parallel zur Küste weiter, sie macht das gut, kraftvoll, eine perfekt gerade Linie von kleinen Schaumflecken hinter sich lassend.

Das Wasser ist so klar, dass Du unter ihr den Meeresgrund sehen kannst, Algen, Felsformationen, sogar größere Fische und Seeigel.

Schließlich hält sie an, dreht sich auf den Rücken und lässt sich tragen und treiben.

Als sie dann langsam zurück zum Boot schwimmt hebt sie plötzlich die Hand und winkt und Du siehst, dass ein Mann im Cockpit erschienen ist und lachend etwas zu ihr hinausruft.

Er springt ins Meer, krault auf sie zu und sie legen den letzten Teil der Strecke zusammen zurück. Ihn erkennst Du nicht.

 

Eigentlich solltest Du in den Tag starten, eigentlich hattest Du vor im Garten zu arbeiten bevor es zu heiß ist.

Aber natürlich ist das alles unmöglich, Du starrst fasziniert auf.... Deine Kaffeeschale, um Himmels Willen, wenn Dich jemand so sehen würde!

 

Und es tut sich auch was, da unten: Wie man immer sagt, kann sich das Wetter in den Bergen und auf der See blitzschnell ändern; plötzlich wird das Wasser schwarz, Wellen bauen sich auf, das Segelboot reißt an der Ankerleine und klatscht mit dem Bug ins Wasser. 

Fast willst Du ihnen etwas zurufen, sie sind viel zu nahe am Ufer, auf das der Wind nun bläst, wenn der Anker nicht hält ist es eine Sache von einer Minute, bis das Boot auf den Felsen aufprallt.

Aber schon erscheinen die Beiden, ordentlich, also mit Ölzeug, angezogen an Deck, er springt ans Ruder, sie rennt nach vorne, öffnet den Stauraum für die Ankerkette, hat das Kommandoteil für die Winsch in der Hand, eine kleine schwarze Wolke am Heck zeigt, dass der Motor angesprungen ist, die Ankerkette läuft ein, das Boot richtet sich aus, dann ist es frei und er steuert es hinaus aufs offene Meer. Knapp!

Jetzt hisst er das Hauptsegel zur Hälfte, so macht der Wind das Schiff stabil und es schaukelt nicht unkontrolliert in den Wellen.

Sie ist im Bug Korb geblieben, genießt sichtlich das wilde auf und ab, die Gischt die über sie spritzt, strahlt über das ganze Gesicht. Als sie geschmeidig zurück ins Cockpit kommt, sich immer an Reling oder Want festhaltend, sieht man, dass sie raue See gewohnt ist.

Du fällst drauf rein und als Du zurückschaust hat er sich Deine Kaffeetasse gegriffen und getrunken, bevor Du etwas tun oder sagen kannst. 

Er räuspert sich, greift sich an den Hals, hustet:

„Oh“ sagt er lachend „ich glaube da war ein Insekt hineingeflogen!“

Von Claudio Hermani